TTT News 23
Im Spiegel der Aufklärung
von Helmut Barthel
Geheimnisumwittert und nicht selten aufs erbärmlichste
mystifiziert waren vor vielen Jahren die so genannten "Inneren
Kampfkünste" den Enthusiasten des chinesischen Boxens noch ein
Buch mit sieben Siegeln. Vornehmlich wurden solche als "Innere
Schulen" bezeichnete Stilrichtungen dem Taijiquan, dem Yingji und
dem Bagua zugerechnet.
In Anbetracht dieser damals bereits nicht selten esoterisch
befrachteten "Internal Arts" wurde schon mit Bedacht in der
ersten Ausgabe der Fachzeitschrift für Kampfkünste "Martial Arts
Magazin" vom November 1982 das folgende satirische Cartoon
veröffentlicht:

Satirischer Cartoon zum Thema "Innere Stile"
In der November/Dezember-Ausgabe von 1986 des gleichen Magazins
hat man dem 85-jährigen, damals ältesten Vertreter des Taijiquan
Wu-Stils, Herrn Ma Yueh-Liang, unter anderem auch die Frage nach
dem "Inneren Boxen" vorgelegt. Zu Beginn unserer Ausführungen
möchten wir den dieses Thema betreffenden Gesprächsteil aus dem
Gesamtinterview mit Herrn Ma Yueh-Liang zitieren:
"MARTIAL ARTS: Tai Chi Chuan wird im allgemeinen zu den inneren
Stilen gezählt und wahrscheinlich auch der Wu-Stil. Worin liegt
aus Ihrer Sicht der Unterschied zu äußeren Stilen?
MA YUEH-LIANG: Es gibt verschiedene Definitionen des Nei Chia und
des Wai Chia. Im Allgemeinen versteht man es so, daß Shaolin
immer der äußere Stil ist und Wu Tang immer der innere. Es gibt
allerdings viele Leute, die sind anderer Meinung, die sagen, daß
'Wai' mehr den kämpferischen Aspekt betont, also kung, kung von
Kung Fu.
MARTIAL ARTS: Arbeit, Kraft, schwer ...
MA YUEH-LIANG: Ja, und beim Nei Chia trainiert man das Ch'i.
Unsere Ansicht zu diesen Bedeutungen ist wieder anders. Aus
unserer Sicht bedeutet Nei Chia, daß innerhalb der Familie, also
intern, trainiert wird und nicht öffentlich. Und Wai Chia
bedeutet, daß vor der Tür, also außerhalb des Hauses, trainiert
wird, draußen, wo jeder es sehen kann. Auch unser Tai
Chi-Training kannte vor 70 Jahren noch niemand. Seit 1914 ist Tai
Chi Chuan aus der Tür, also in die Öffentlichkeit gegangen.
MARTIAL ARTS: Dann wäre es demnach ein äußerer Stil geworden?
MA YUEH-LIANG: Daß es veröffentlicht wurde, heißt noch nicht, daß
es ein äußerer Stil geworden ist. Obwohl auch unser Tai Chi Chuan
'aus dem Haus gegangen' ist, hatten wir bis vor sechs Jahren,
also bis 1982, eine Form, die wir nie nach außen zeigten. Das ist
der Unterschied zwischen den Begriffen 'Nei' und 'Wai'."

Ma Yueh-Liang beim Interview
Den deutlichen Worten des Großmeisters zur Frage des "Inneren
Boxens" gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Gleichwohl
wollen wir an dieser Stelle auf einen kurzen Blick in zwei
entsprechende Wörterbücher nicht verzichten:
1. Aus dem Wörterbuch von Rüdenberg-Stange:
nèi
innerhalb, binnen, innen, in, inner, einschließlich; (Ehefrau;
Kaiserpalast)
jia
Familie; Heim, Heimat, Haus; Verwandte, Sippe; Klasse (von
Menschen; aus einer Klasse) (Beruf),
[bildet Hauptwörter auf -er]; Geschäftshaus; zahm; [Familienname]
quán
Faust; boxen; nur faustgroß, klein
2. Aus dem Wörterbuch von Prof. Dr. Ulrich Unger:
nèi
das Innere; innen, drinnen, in, (innerhalb von)
jia
Haus, Familie; Schule (Schulrichtung)
quán
die Hand ballen, eine Faust machen; Faust
Der Umstand, daß, wie auch Herr Ma Yueh-Liang es bereits
feststellte, beim Neijiaquan erstrangig das Qi gefördert und die
Kontrolle darüber trainiert und damit die gesamtkörperliche
Integrität und Gesundheit besonders angesprochen wird, mag mit
Blick auf den Begriff "Inneres ..." hierzulande zu einem nicht
geringen Spektrum an Mißverständnissen geführt haben.
Als wir 1980 das bereits seit sieben Jahren unter der Bezeichnung
"Inneres Boxen" praktizierte Tan Tien Tschüan aus der Taufe
hoben, indem wir uns der Hilfestellung eines anerkannten Experten
für klassische chinesische Schrift versicherten, war die
Diskussion um so genannte "innere und äußere" Stile in
Deutschland bei weitem noch nicht so entwickelt wie heute.
Herr Prof. Dr. Liu Mau-Tsai zumindestens, der uns bei der
chinesischen Benennung unseres "Inneren Boxens" behilflich war,
hat unser Lehr- und Arbeitssystem ganz absichtlich an der
Neijia-Zuordnung vorbei einfach als "Tan Tien Tschüan"
bezeichnet, nachdem er sich mit großer Aufmerksamkeit den
Erläuterungen zur Theorie und Praxis unseres Kampfkunststils
zugewandt hatte.
Der Name setzt sich aus den Schriftzeichen "Tan", "Tien" und
"Tschüan" zusammen. Jedem Aktiven ist geläufig, daß der "Tan
Tien" in aller Regel als das Feld ca. 3 Finger breit unterhalb
des Bauchnabels im Körper des Menschen lokalisiert wird. Es heißt
auch "das zinnoberrote Feld" und bedeutet soviel wie "lebendiger
Mittelpunkt". Das Zeichen Tan steht hier für Erz (rot) und
Brunnen (tief), Tien für parzelliertes Feld (weit) und Tschüan
für Faust (gekrümmte Hand). Den "Tan Tien" als diesen vitalen
Mittelpunkt zu interpretieren, ist eine von vielen Möglichkeiten,
diese Zeichen und ihre Aussagekraft zu benutzen. Ebensogut kann
die Verbindung zwischen "tief", "rot" und "Feld" auch "Herz" oder
einfach "innen" bedeuten.
Noch einmal genauer auf das Motiv und den Umstand der
chinesischen Umbenennung unseres bis dahin als "Inneres Boxen"
bezeichneten Stils bzw. die tieferen Gründe dafür einzugehen,
würde das Thema und die Intention dieses Artikels sprengen.
Wichtig ist nur, daß das Tan Tien Tschüan damals wie heute mit
dem Anspruch, "Inneres Boxen" zu praktizieren, ganz sicher nicht
die Ausübung und Verwertung seiner Lehr- und Trainingsmethoden
innerhalb einer Familie oder sonstwie geschlossener sozialer
Verbindungen zum Ausdruck bringen wollte, sondern schon einen
Unterscheidungsverweis hinsichtlich der Trainingsmethoden und
ihrer Inhalte im Verhältnis zu konventionellen Schulen und
Stilrichtungen bereits im Namen der eigenen Schule
festzuschreiben bemüht war. Mag auch die inhaltliche Ausrichtung
unseres Boxstils das Ergebnis eines Mißverständnisses gewesen
sein, so hat sich die Unterscheidung doch bewährt und ist
geblieben.
Unter "innen" haben wir zunächst die technische, taktische und
strategische Konzentration auf das Erlernen eigenkörperlicher
Kontroll- und Bewältigungsoptionen mit allen dazu geeigneten
Methoden verstanden. Der Schwerpunkt lag also nie darauf, eine
Kampfsituation erfolgreich und den Gegner bzw. Trainingspartner
technisch zu beherrschen und gegebenenfalls zu bezwingen, sondern
vielmehr darauf, die passiven, außerhalb des unmittelbaren
Zugriffs gelegenen Kräfte, Verhältnisse, Aufwände, Widerstände
und Wege ausschließlich des eigenen Körpers unter die Kontrolle
des eigenen Tuns und der eigenen Absicht zu bringen.
Wir gehen bis heute davon aus, daß die Minimierung von Aufwand,
Widerstand und Gegenläufigkeit dem Bemühen, über gezielte
Schwünge, unverzichtbare Timings und organisierte Kraftaufwände
zu Ergebnissen zu kommen, doch ungleich überlegen ist. Über
statische Achsen gelenkte und über Geschwindigkeits- und
Gewichtsbeteiligung balancierte und bestimmte Ergebnisse und
Effekte ordnen wir deshalb dem äußeren Boxen zu, weil sie über
mehr oder weniger raumgreifende Schwünge oder
Schwungkombinationen passive bzw. nicht beteiligte Kräfte und
Verhältnisse transportieren und bestenfalls über ein geglücktes
Timing kompensieren.
Die konsequente Auseinandersetzung im Rahmen sportlich
regulierter oder auch regelfreier körperlicher Konfrontationen
nimmt als Testprogramm zur Überprüfung des jeweiligen technischen
Entwicklungsstandes im Tan Tien Tschüan einen hervorragenden
Platz ein und ist mithin auch ein wesentlicher Bestandteil der
Prüfungen. Das hat dem Tan Tien Tschüan sicher nicht zu Unrecht
im Laufe der Zeit den Ruf eingetragen, eine stark
kampforientierte Schule zu sein.
Dennoch bleibt das Kernstück der Bemühungen des "Inneren Boxens"
unserer Schule, die Unwägbarkeiten und Unbotmäßigkeiten des
eigenen Körpers, also die Vorherrschaft seiner passiven,
physikalischen Eigenschaften in einer Weise auszusteuern, daß er
in der Praxis nicht in die Dominanz seiner funktionalen
Widersprüchlichkeit zurückfallen muss, als da wären zum Beispiel
Schwung und Gegenschwung, Gewicht und Statik, Achsen, Stellungen
und Befestigungen, Geschwindigkeiten und Beharrung, Kollisionen
und Wuchten.
Die Konzentration auf die in der Reichweite der
Eigenkörperlichkeit gelegenen Fragen und Probleme entspräche
ungefähr dem Konzept des "Inneren Boxens", wie es im Tan Tien
Tschüan praktiziert wird. "Innen" präferiert per Definition
Einseitigkeit und führt methodologisch über die stetige
Rückbindung zu einer anwachsenden Konzentration der
ursprünglichen Fragestellung. Bei der Inanspruchnahme dieser
Herangehensweise erhofft sich der Vertreter einer solchen
Methode, daß er, verglichen mit konventionellen Strategien, zu
wesentlich weitreichenderen und besseren Ergebnissen kommt. Zudem
stützt sich das Tan Tien Tschüan speziell bereits seit langer
Zeit insbesondere mit seinem Anspruch als "Innerer Boxstil"
wesentlich auf die fundamentale und detailgenaue Kritik
konventioneller Bewegungskonzepte und sportphysiologischer
Modelle.
Abschließend möchte ich allerdings doch einmal ausdrücklich
darauf hinweisen, daß ich indessen tief davon überzeugt bin, daß
es keine Schule, kein System oder keinen Stil gibt, der sich in
seinem Bemühen um Effizienz nicht mehr oder weniger, sei es auf
traditionelle oder auf fortgeschrittene Weise, mit offenem
Ausgang um dieselben Inhalte bemüht.

Bericht vom Lehrgang "Chinese Boxing Curriculum" in Hannover im Februar 2008
von Julia Barthel
An einem winterlichen Februarwochenende, von Samstag, dem 16. bis
Sonntag, dem 17.02.2008 fand in der Kampfkunstschule KENPOKAN in
Hannover unter der Leitung von Manfred Steiner ein Lehrgang zum
Thema "Inneres Boxen" statt.
Jeweils vier Stunden lang sollten die Teilnehmer anhand einiger
Beispiele aus unterschiedlichen Kampfkunstarten an den Bereich
der so genannten "weichen" beziehungsweise "inneren" Stile
herangeführt werden. Dabei galt es einerseits, die inneren
Boxkünste verständlich darzustellen und gleichzeitig einen groben
Überblick über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den
verschiedenen Schulen zu vermitteln, andererseits ging es auch
darum, den Anwesenden durch die Vorstellung bereits bekannter und
etablierter Systeme wie Hsing I Chuan, Tai Chi Chuan und Pakua
Chang eine Brücke zum Verständnis der vergleichsweise jungen
Lehre des Tan Tien Tschüan zu bauen. Daher wurde der gesamte
zweite Teil des Lehrgangs dem Schwellenprogramm aus dem Tan Tien
gewidmet, anhand dessen der Haupttrainer der Hamburger Gruppe,
Thomas Schröder, mit seinem Lehrerteam den Teilnehmern einen
Eindruck von den Lerninhalten und der Effizienz dieses Systems
vermittelte.
Mir bot sich die Möglichkeit, an diesem Wochenende ebenfalls nach
Hannover zu fahren und dort an dem gesamten Lehrgang
teilzunehmen. Gemeinsam mit meinem Freund und Tan
Tien-Mitstreiter machte ich mich also an einem kalten, sonnigen
Samstagmorgen von Schleswig-Holstein aus auf, um mich erstmals in
einem unbekannten Umfeld gleich mit mehreren Stilen auseinander
zu setzen, über die ich bisher nur wenig wußte. In der Annahme,
bei diesem Kurs auf diverse andere Kampfkünstler zu treffen, die
sich wohl um einiges besser auf dem Gebiet der verschiedenen
Systeme auskennen würden als ich, entstand in mir eine extreme
Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Die Spannung hatte uns
nach einer unruhigen Nacht früh auf die Straße getrieben, zumal
wir auf keinen Fall zu spät kommen wollten. So kamen wir
schließlich zwei Stunden zu früh in Hannover an, wo wir sehr
herzlich von Manfred Steiner und seiner Frau Angela empfangen
wurden, die uns freundlicherweise für die kommende Nacht bei sich
einquartierten. Zusammen fuhren wir bald darauf zum
Veranstaltungsort, der Kampfkunstschule "KENPOKAN" ("Haus der
Kampfkünste"), wo neben zwölf verschiedenen Kampfkünsten auch
Fitness in einem breiten Spektrum unterrichtet wird. Bei unserer
Ankunft wurde im oberen Stockwerk der Schule gerade eine
Capoeirastunde gegeben, die in einem großen, hellen
Unterrichtsraum gegenüber dem Eingang stattfand. Dieser Bereich
ist nur durch eine Glasscheibe von dem übrigen Raum getrennt und
so konnte man von der Bar neben dem Eingang aus die Geschehnisse
in der kleinen Halle beobachten. Gleich daneben befinden sich
etliche Fitnessgeräte, die ebenfalls von mehreren Personen
genutzt wurden. Der Durchgang zu den Umkleidekabinen war bereits
vollgestopft mit weitgehend schwarz gekleideten Kampfsportlern,
von denen die meisten offenbar auf den Beginn des Lehrgangs
warteten.
An diesem ersten Tag müssen etwa dreißig Leute da gewesen sein
und zu meiner Überraschung entdeckte ich darunter sogar zwei
bekannte Gesichter aus dem Tan Tien-Training ...
Die unterschiedlichen Aktivitäten, welche zeitgleich zum Lehrgang
im KENPOKAN stattfanden, hatten eine belebende Wirkung und die
freundliche, gesprächige Atmosphäre verdrängte schnell meine
Nervosität.
Nachdem die Capoeirastunde beendet war, versammelten sich alle
Teilnehmer des Lehrgangs in der kleinen Halle, wo wir uns
zunächst auf dem Boden niederließen, gespannt darauf zu hören,
auf welche Weise Manfred uns die inneren Boxkünste
veranschaulichen würde. Einige von uns, die sich bereits mit
einem inneren Stil auseinander setzen, hatten schon mehr als
einmal vor dem Problem gestanden, anderen die Natur dieses
Bewegungssystems erklären zu wollen. Dabei gleiten die meisten
entweder schnell in mystische, nicht greifbare Beschreibungen von
unsichtbaren Energien ab oder versuchen einfach, ansatzlos die
Übungen zu erklären, mit denen sie sich gerade im Unterricht
befassen. Diese Herangehensweise führt im Allgemeinen nur zu
Mißverständnissen, da das Gegenüber im Grunde keine Möglichkeit
hat, eine solche Erklärung nachzuvollziehen.

Manfred hingegen ging das Problem auf sehr pragmatische Weise an,
indem er zunächst in mehreren kleinen Kampfansätzen zeigte, auf
welche Weise man Angriffen mit den Mitteln äußerer Stile
begegnet. Dabei ging er kurz darauf ein, daß häufig sehr viele
verschiedene Techniken für Angriff und Abwehr gelehrt werden, die
man dann im Kampf als festgelegten Ablauf anwendet.

Diese festen, statischen Abläufe haben, wie Manfred deutlich
machte, zwei gravierende Nachteile:
Zum einen muß der Kampfkünstler in jeder Situation neu
entscheiden, mit welcher der vielen Techniken er einem Gegner nun
entgegentreten soll, was nicht nur verwirrend sein kann, sondern
auch wertvolle Zeit kostet. Zum anderen benötigt man für seine
Positionierung, beispielsweise einen festen Stand im
Ausfallschritt, immer eine gewisse Distanz zum Gegner. Daher
müssen ständig ganze Bewegungsphasen auf eine Neuausrichtung des
eigenen Körpers verwendet werden, unter anderem, um den
benötigten Abstand zum anderen zu halten. Dabei kommt noch
erschwerend hinzu, daß die einzelnen Haltungen den Körper wegen
der starken Muskelanspannung auch fixieren. Diese Fixierung muß
nach jedem Bewegungsablauf aufs Neue gelöst werden, bevor die
nächste Aktion beginnen kann. All diese Schwierigkeiten führte
Manfred uns deutlich vor Augen, indem er einige Kampfansätze
sozusagen in "slow motion" mit seinem Assistenten durchspielte.
Mit einigen kleinen Übertreibungen und witzigen Kommentaren
gelang es ihm dabei sehr gut, sein Publikum bei der Stange zu
halten. Gleichzeitig war seinen präzisen, sicheren Bewegungen
jedoch anzusehen, daß er den jeweiligen Stil beherrscht und sich
keinesfalls unqualifiziert über andere Systeme erheben will.
Manfreds Fähigkeit, einen Bewegungsablauf mehrmals in
verschiedenen Tempi zu zeigen, an relevanten Stellen einzufrieren
und dann wieder aufzunehmen, kam uns Zuschauern sehr zugute, denn
man hatte genügend Zeit, auch etwas komplexere Abläufe
nachzuvollziehen. Sehr überzeugend wurde auch veranschaulicht,
daß ein Angriff oder eine Verteidigung, bei denen ein Kämpfer
seinen Körper einseitig einsetzt, dazu führen können, daß er
währenddessen unbeabsichtigt empfindliche Körperteile wie zum
Beispiel den eigenen Kopf ungeschützt in die Reichweite seines
Gegners befördert.

Manfred hatte uns somit klar gemacht, daß es in einer
Kampfsituation in erster Linie darauf ankommt, den eigenen Körper
intelligent und flexibel einzusetzen, anstatt sich ausschließlich
auf den Einsatz von Geschwindigkeit, Spannung, Härte und Kraft zu
verlassen. Nun konnte er beginnen, die Herangehensweise innerer
Stile zu erläutern, deren wichtigste Grundlage vielmehr das
Beherrschen des eigenen Körpers als die Unterdrückung des Gegners
ist und zwar aus ganz rationalen Gründen.
Nachdem er selbst gezeigt hatte, wie er einen Angriff abwehren
kann, indem sein Körper flexibel genug bleibt, um die Impulse des
Gegners aufzunehmen und auf kurzem Wege gegen ihn zu wenden, gab
Manfred die ersten Aufgabe an uns weiter, bei der wir unsere
Körperkontrolle testen konnten. Jeder suchte sich einen Partner
aus der Gruppe, mit dem er sich an einer Übung namens "Iron
Shirt" versuchen sollte. Dabei bestand die Anforderung darin,
alle Muskeln am Körper anzuspannen. Der Auftrag des Partners
lautete, einen von den Beinen bis zum Oberkörper auf Vorder- und
Rückseite ständig "abzuklopfen" und zwar zumindest so stark, daß
man irgendwie darauf reagieren mußte, um nicht die Balance zu
verlieren.

Mittels einer ständigen Muskelanspannung sollte man nun bereit
sein, sich der Wucht der Schläge an jedem beliebigen Punkt zu
stellen und nirgends nachzugeben. Dabei wurde schnell
offensichtlich, daß es immer irgendwo Muskeln und Flächen am
eigenen Körper gab, die bei allem Bemühen den Schlägen doch
nachgaben, so daß es schwer fiel, überhaupt richtig stehen zu
bleiben. Von Körperkontrolle konnte also bei uns nicht die Rede
sein. Allerdings schärfte die Übung das Bewußtsein für die
mangelhafte Selbstaussteuerung.
Aus diesem Grund empfand ich diese Aufgabe auch als einen guten
Einstieg für alle darauf folgenden Lektionen, denn meine
Aufmerksamkeit richtete sich danach mehr auf meinen Körper und
die eigene Koordination als zuvor. Abgesehen davon hatte ich
persönlich sehr viel Spaß bei der Sache, nicht zuletzt deshalb,
weil meine Partnerin ebenfalls sehr großes Interesse daran
aufbrachte, alle Aufgaben, die man uns stellte, voll
auszuschöpfen. Als Fitnesstrainerin und Kampfkünstlerin war sie
außerdem in der Lage, auch über einen Zeitraum von vier Stunden
auf einem sehr hohen Energielevel zu arbeiten. Ihre Begeisterung
dafür, jeden neuen Bewegungsansatz auszuprobieren, war mitreißend
und unterstützte mich in meiner Motivation, möglichst viel aus
den Übungen zu lernen. Auf diese Weise verging die Zeit wie im
Flug, da wir uns einerseits gut amüsierten und andererseits immer
aufs Neue versuchten, unsere Koordinationsprobleme zu lösen.

Allerdings hatten die Aufgaben, welche Manfred uns im Lauf des
Lehrgangs stellte, auch selbst einen hohen Unterhaltungswert. Sie
waren so gewählt, daß man die Möglichkeit hatte, unbekannte
Bewegungsmanöver zu erforschen. Aber sie weckten auch eine Art
Spieltrieb in Bezug auf den eigenen Körper, so daß man sich nie
gelangweilt oder überfordert fühlte.
Unter anderem probierten wir im Anschluß an eine Demonstration
von Manfred und seinem Assistenten aus, wie sich der Verlauf der
eigenen Bewegung entwickelt, wenn man zunächst den Schlag oder
Stoß des Gegners auf sich wirken läßt, ohne sofort dagegen zu
halten. Wir sollten uns vorstellen, unsere Reaktion würde in
Wellen verlaufen, so wie wenn ein Stein auf eine Wasseroberfläche
prallt. Der Gegenangriff erfolgt erst, nachdem der Impuls einmal
durch den Körper gelaufen ist und beginnt daher an einem ganz
anderen Punkt, als der Gegner es womöglich einkalkuliert hat.

Zum Beispiel kann man einen geraden Stoß in den Bauch bekommen,
woraufhin man seiner körperlichen Reaktion freien Lauf gibt und
dem Gegenüber als Antwort den rechten Arm mit einer passiven
Wucht seitlich gegen den Hals schlägt. Natürlich sind diese
Vorübungen an sich nicht auf einen Kampf übertragbar. Nach meinem
Verständnis sollten sie uns lediglich ein Gefühl dafür
vermitteln, daß wir andere Möglichkeiten haben, der Offensive
eines Gegners zu begegnen als jene, die wir uns jahrelang
angewöhnt haben. Normalerweise verläßt man sich im Falle einer
Konfrontation ja eher auf die Vorgaben des Gehirns, das dem
Körper immer die gleichen, im voraus festgelegten Bahnen
aufzwingt. Die Herangehensweise, welche Manfred uns nahe brachte,
befähigte uns, kurzfristig mit dieser Gewohnheit zu brechen und
die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß wir unsere körperliche
Intelligenz vielleicht etwas vorschnell aufgeben. Ferner
zentriert man auch in diesem Fall seine Aufmerksamkeit mehr auf
die eigenen Bewegungen, Schwünge und Wuchten als auf den Gegner.
Gute Voraussetzungen also, um sich selbst und die Wirkung von
Kräften zu studieren, bevor man sich in eine Auseinandersetzung
stürzt. Abgesehen davon führte Manfred gemeinsam mit Ralf
Beckmann (Kampfkunstlehrer und Chef des KENPOKAN) vor, wie
effizient und kurz jemand, der dieses Bewegungssystem beherrscht,
die Griffe oder Schläge eines Gegners beantworten und dessen
Krafteinsatz gegen ihn wenden kann.

Er verwendete das Bild eines "Tsunami", um diese weiche aber
gleichzeitig vernichtende Form der Aussteuerung zu beschreiben.
Bei dem Ausdruck "Welle" bzw. "Tsunami" wird man als Tan Tienner
natürlich hellhörig, denn das Konzept, sich im Kampf an den
physischen Eigenschaften einer Naturerscheinung zu orientieren,
kommt einem irgendwie bekannt vor. Es ist ja auch kein Geheimnis,
daß gerade diese Ausrichtung auf eine weiche und gleichzeitig
unüberwindlich starke Bewegung der Grundgedanke bei der
Entwicklung vieler innerer Stile war. Für mich persönlich war es
sehr interessant, diese Spur einmal in der lebendigen Ausführung
einer anderen weichen Kampfkunst als der des Tan Tien zu sehen.
Zum einen gaben die praktischen Versuche, sich aus dem gewohnt
starren Bewegungsschema zu lösen, mir einen guten Anlaß zu
erkennen, wie viele automatische Reflexe mich noch an die
konventionelle äußere Steuerung meines Körpers binden. Unabhängig
davon, ob ich mich nun mit einem sehr anspruchsvollen System wie
dem Tan Tien Tschüan beschäftige oder einfach nur einmal
Bewegungen machen möchte, die etwas von der Konvention abweichen,
werde ich mit den gleichen Schwierigkeiten konfrontiert. Für
diese Erkenntnis lohnt es sich wirklich, ab und zu "über den
eigenen Tellerrand zu schauen", eine Empfehlung, die Manfred uns
allen auf diesem Lehrgang mitgab. Dieser Ansatz zeichnet etliche
berühmte Kampfkünstler aus, deren eigene Entwicklung darauf
basierte, sich nicht mit den eigenen Grenzen oder erlerntem
Können zufrieden zu geben, wie beispielsweise Bruce Lee, den
Manfred mit dem Ausspruch über den Tellerrand zitierte. Auch das
System "Tan Tien Tschüan" wäre im übrigen ohne dieses Streben
nach Erkenntnis nicht entstanden. Manch ein Tan Tienner könnte
glauben, es sei überflüssig, sich mit anderen Stilen zu
beschäftigen, da unser System den inneren Weg im Vergleich zu
anderen Systemen schon sehr konsequent verfolgt. Leider
verwechseln wir nur zu oft das hohe Niveau dieser Lehre mit
unseren tatsächlichen Fähigkeiten und wiederholen deshalb
jahrelang dieselben Fehler, ohne es selbst zu bemerken.

Der Lehrgang in Hannover war eine hervorragende Möglichkeit, sich
im Spiegel der vielen Übungen den eigenen Defiziten zu stellen.
Beispielsweise stellte Manfred uns die Grundidee des Tai Chi
Chuan vor, dessen Konzept auf der Annahme beruht, daß sich alle
Organe und Funktionssysteme im Körper eines Menschen ständig im
Fluss einer Rotationsbewegung befinden, welche in Form einer
"Acht" (Lemniskate) zu einer endlosen Schleife wird.
Diese ständige Grundbewegung innerhalb des Körpers soll beim
Erlernen von Tai Chi Chuan sozusagen von innen nach außen auf
alle Bewegungen übertragen werden.
Am Beispiel der "Push Hands" bekamen wiederum alle Anwesenden die
Gelegenheit, sich an einer Grundübung dieses Stils zu versuchen.
Dabei versucht man seinen Partner aus einer festen Standposition
heraus weg zu schieben, beziehungsweise aus der Balance zu
bringen. Kontakt und Übertrag der eigenen Bewegung werden über
die Arme des Partners hergestellt. Während des Schiebens soll
jeweils der Arm, über den der andere versucht, einen zu stoßen,
dem Druck in einer Rotationsbewegung um die eigene Achse
ausweichen. Der erste Teil der Rotation dient dem Ausweichen und
Aufnehmen des gegnerischen Druckes, im zweiten Teil leitet man
den aufgefangenen Druck zum Gegenüber zurück. Dieser verfährt
ebenso mit dem Druck, welchen man auf ihn ausübt. Dabei versucht
man immer, den anderen am Zentrum seines Körpers zu erwischen,
indem man über seinen Arm Druck auf das Tan Tien ausübt. Dieser
körperliche Mittelpunkt befindet sich in der Anschauung des Tai
Chi Chuan im Bereich südlich des Bauchnabels.

Bei diesem Wettkampf geht es darum, wer am geschicktesten darin
ist, den Druck des anderen immer von sich weg zu leiten und ihm
somit keinen Anhaltspunkt für einen Angriff zu bieten. Wer sich
versteift oder sein Gewicht plump einsetzt, wird im Idealfall vom
Gegner auf dem Weg der Rotation zunächst umgeleitet und dann
durch die Neutralisierung des eigenen Krafteinsatzes aus der
Balance gestoßen. Eine Voraussetzung, um sich bei diesem
Bewegungsablauf geschmeidig halten zu können, ist die gezielte
Entspannung der Schultern. Um ehrlich zu sein, hatte ich
erhebliche Probleme, dieses recht aufwendige Konzept motorisch
vernünftig umzusetzen. Zudem sträubten sich mir als Tan Tiennerin
die Haare bei dem Gedanken, meinem Kontrahenten zunächst so
weiträumig auszuweichen, da ich mir innerhalb meines eigenen
Systems gerade alle Mühe gab, genau das nicht zu tun. Für mich
ergab sich aus dem Ausweichmanöver jedes Mal eine katastrophale
Enge, in der ich regelmäßig stecken blieb und von meinem
Kontrahenten geschubst wurde. Außerdem befand ich mich mit diesem
Verhalten im Widerspruch zur Lehre des Tan Tien Tschüan, nach der
mein Körper sich eigentlich hinter meinem Arm hätte organisieren
sollen, anstatt irgendwie im Weg zu stehen, während der Arm nicht
am Körper vorbei kam. Derweil wurde mein Partner nicht müde, mich
ununterbrochen darauf aufmerksam zu machen, wie verspannt meine
Schulter sei, so daß ich schließlich am liebsten geflüchtet wäre.
Dann erkannte ich plötzlich, daß er mit seiner Korrektur
tatsächlich Recht hatte, denn ich war wirklich nicht im Stande,
meine steinharten Schultern zu lockern, geschweige denn gezielt
zu entspannen. Diese Koordinationsschwäche hatte nichts mit dem
jeweiligen System zu tun, sondern stammte von mir selbst. Dann
fielen mir die vielen Korrekturen meiner Tan Tien-Lehrer ein, bei
denen meine harten, verspannten Schultern andauernd zur Sprache
kamen. An diesem Punkt wurde mir klar, daß dies nicht einfach
irgendeine Randerscheinung sein konnte. Es handelte sich
offensichtlich um ein echtes Defizit, das mich überall einholen
würde, in jedem Stil, in jeder Situation, auf jedem Lehrgang.
Angenehm war diese Entdeckung zwar nicht, aber sie wirkte wie ein
Weckruf auf mich. In den darauf folgenden Wochen machte ich meine
Schultern zum zentralen Thema in fast jeder Trainingssituation
und mittlerweile kann ich sie viel besser entspannen als je
zuvor. Was kann man mehr von einem Lehrgang erwarten als auf
solche Erkenntnisse zu stoßen?

Manfred zeigte uns nach und nach mehrere Stufen der Ausführung
von Tai Chi Chuan, in denen letztlich der gesamte Körper über
Hüfte und Knie bis hin zu den Füßen in die eingangs erwähnte
Rotationsbewegung integriert wurde. Ähnlich wie bei dem
Wellenansatz aus dem vorher gezeigten Stil legte er auch hierbei
großen Wert darauf klar zu stellen, daß dabei die Bewegung
sämtlicher Gliedmaßen zu einer Verbindung geschlossen wird und
keinesfalls gegeneinander laufen sollte. Abermals konnte er durch
einen sehr flüssigen und fein abgestimmten Bewegungsablauf
überzeugend vermitteln, daß diese Koordination tatsächlich
machbar ist. Tatsächlich konnte Manfred sofort von einem normalen
Stand in den weichen Bewegungsmodus umschalten und jeder, der
sich selbst einmal an etwas Ähnlichem versucht hat, konnte daran
seine ausgezeichnete Körperkontrolle erkennen. In dieser Hinsicht
war es einfach auch ein optisches Vergnügen, sich die kurz
gehaltenen und sehr sachlichen Präsentationen der einzelnen Stile
anzusehen und ich denke, diesen Eindruck teilten alle Anwesenden
mit mir.
Manfred legte uns zur Verbesserung unserer Hüftbeweglichkeit halb
scherzhaft den Salsakurs im KENPOKAN ans Herz, womit er
gewissermaßen seinen gekonnten Hüftschwung kommentierte, auf den
mancher Tänzer neidisch sein würde. Der ernstere Hintergrund des
Witzes lag für mich in der Idee, sich auch beim Erlernen von
Kampfkünsten nicht pauschal den Vorteilen anderer
Bewegungssysteme zu verschließen. Was Manfred allerdings
angenehmerweise aus allen seinen Erklärungen über das Tai Chi
Chuan heraushielt, war jede Art von Spekulation über die
mystische Chi-Energie, welche im Zusammenhang mit diesem Stil oft
zum Gesprächsthema wird. Außerdem gab er zu unserer Erheiterung
noch eine sehr kurze Demonstration der westlichen Interpretation
von Tai Chi, welche er allgemein als "AOK-Tai Chi" bezeichnete,
wie es oft von unqualifizierten Lehrern im Rahmen der
Gesundheitsförderung in Krankenkassenkursen verkauft wird. Mit
weit ausgestreckten Armen, großen, ausholenden Gebärden und extra
viel Schwung fuchtelte Manfred sich durch eine imaginäre Tai
Chi-Sequenz, die sozusagen der totale Gegensatz zu dem vorher
gezeigten, weichen Ganzkörperfluss aus dem klassischen Tai Chi
Chuan war.
Für mich als Tan Tiennerin und "Dreifußlehrerin" (eine
Gesundheitsdisziplin aus dem Tan Tien-System), war dieser Teil
des Lehrgangs überaus aufschlußreich, da ich selbst oft nach den
Unterschieden oder Gemeinsamkeiten zwischen unserem
Gesundheitssystem und dem des Tai Chi gefragt werde. In Zukunft
kann ich diese Fragen sicherlich etwas besser beantworten, denn
nun weiß ich zumindest ungefähr, wie die sinnvolle Variante von
Tai Chi Chuan aussieht und auch, wie sie für das westliche
Verständnis kahl geschlagen und bis zur Nutzlosigkeit
heruntergebrochen wurde.
Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wenn ich im
Einzelnen ausführlich auf alle Übungen eingehen würde, welche in
diesen vier Stunden des Lehrgangs noch auf uns zu kamen. Daher
möchte ich abschließend nur noch einige Ansätze zusammenfassen,
durch die Manfred uns darauf aufmerksam machte, wie nützlich eine
sinnvolle Koordination der eigenen Gelenke in vielen Situationen
sein kann. Zu diesem Zweck ließ er sich von einem Assistenten in
eine sehr ungünstige Ausgangslage manövrieren, in der
beispielsweise der Rücken gebeugt, der Kopf heruntergedrückt
sowie Arme und Beine in einem verdrehten Verhältnis zueinander
festgelegt wurden. Anstatt zu versuchen, sich durch ungezieltes
Zerren, Drücken oder Stoßen auf eigene Kosten und gegen den
Widerstand des anderen aus dieser Lage zu befreien, griff Manfred
auf die Ressourcen des eigenen Körpers zurück. Er "justierte" die
Gelenke seiner Gliedmaßen auf engstem Raum gewissermaßen
innerhalb seiner Körpergrenzen, so daß sie wieder in einer
geschlosseneren Verbindung zueinander standen. Anschließend
konnte Manfred sich recht leicht aus der Einschränkung seines
Gegners befreien, ohne sich dabei körperlich zu verausgaben. Auch
diesen Ansatz durften wir alle selbst ausprobieren, später dann
auch, mittels einer Variante dieser Technik, sich durch die
richtige Aussteuerung des eigenen Körpers aus verschiedenen
Hebeln zu befreien.

Während all dieser Aufgaben standen uns Manfred und einige Lehrer
des KENPOKAN wie Ralf Beckmann und Cord Stahlmann immer hilfreich
mit Ratschlägen zur Seite. Als sehr angenehm habe ich dabei die
Art der Korrektur empfunden, die ausgesprochen freundlich und
sachlich ausfiel, ohne daß man das Gefühl hatte, irgendwie
beurteilt zu werden. Zusammen mit dem Umstand, daß es auf diesem
Lehrgang wohl allen Teilnehmern vielmehr ums Lernen als um die
Selbstdarstellung als Kampfkunstexperte ging, ergab sich in
dieser sehr gemischten Gruppe eine wunderbar freie
Arbeitsatmosphäre.

Trotzdem merkten wir hinterher, wie anspruchsvoll diese vier
Stunden für Körper und Geist gewesen waren. Ich fühlte mich zwar
körperlich entspannt, doch ansonsten auch überraschend
ausgelaugt. Die etwas längere Autofahrt und all die neuen
Eindrücke des Tages forderten einige Stunden nach dem ersten Teil
des Lehrgangs ihren Tribut, so daß wir mit ausgeschaltetem Gehirn
nur noch matt ins Bett sinken konnten. Außerdem war uns als Tan
Tiennern durchaus klar, was es mit dem "Schwellenprogramm" auf
sich hatte, in dessen Rahmen wir uns am nächsten Tag noch einmal
vier Stunden mit dem Inneren Boxen auseinander setzen würden.
Am Sonntagmorgen standen zu unserer Überraschung dann gemeinsam
mit Thomas Schröder, dem Haupttrainer für Tan Tien Tschüan in
Hamburg, gleich noch sechs weitere Assistenztrainer frisch und
tatendurstig auf der Matte. Wie sich wenig später im KENPOKAN
herausstellte, war diese Gruppenstärke aufgrund der plötzlich
gewachsenen Teilnehmerzahl durchaus angemessen. Wo am Vortag noch
circa dreißig Leute vor der Halle gestanden hatten, waren es an
diesem Tag noch etwa zehn mehr. Dieser plötzliche Zuwachs an
Teilnehmern war sicherlich auch darauf zurück zu führen, daß hier
seit langer Zeit die erste Präsentation von Tan Tien Tschüan in
einem öffentlichen Rahmen stattfinden würde.
Natürlich hatte es im Laufe der letzten Jahre immer wieder
Lehrgänge und Demonstrationen innerhalb der Prüfungsklassen des
Tan Tien gegeben, doch für die Teilnahme an diesen
weiterführenden Unterrichtseinheiten waren nur Schüler
zugelassen, die bereits regelmäßig am Training teilnehmen. Sicher
waren deshalb einige Kampfkünstler neugierig darauf, was es mit
unserem System eigentlich auf sich haben würde. Zudem kursieren
etliche Gerüchte über das Tan Tien in der Szene, in denen vom Tai
Chi Chuan der Legenden, kontaktlosen Kampftechniken und
unsichtbaren Kräften im positiven wie im negativen Sinne die Rede
ist. Unnötig zu erwähnen, daß dem Großteil dieser Gerüchte
höchstens flüchtige, unreflektierte Eindrücke von Personen zu
Grunde liegen, die nur kurze Begegnungen mit dem Begründer und
Meister dieser Kampfkunst (Helmut Barthel) und seinen
ungewöhnlichen Fähigkeiten hatten. Bedauerlicherweise stützen
sich aber noch mehr davon auf Geschichten aus zweiter Hand oder
schlicht auf Spekulationen. Wohl unumstritten ist allerdings, daß
Tan Tien Tschüan sich bisher in direkter Konfrontation mit
anderen Systemen immer als höchst effektiv erwiesen hat.
Allen Aussagen über dieses relativ junge System des Inneren
Boxens bleibt jedoch eines gemeinsam: Man kann sich kaum etwas
Konkretes darunter vorstellen. Auch Manfred hielt sich in seiner
Vorankündigung für den zweiten Teil des Lehrgangs bedeckt, indem
er lediglich bemerkte, daß er der Vertiefung und Erweiterung des
Verständnisses für Inneres Boxen dienen würde. Durch seine
nüchterne und sehr praktisch orientierte Aufbereitung der anderen
inneren Stile am Vortag hatte er allerdings schon eine sehr gute
Brücke zur Tan Tien-typischen Arbeitsweise geschlagen.
Niemand brauchte auf eine spektakuläre Vorführung mystischer
Techniken oder die Verkündigung handlicher "Instant-Geheimnisse
zum Mitnehmen" zu hoffen. Statt dessen stellte Thomas Schröder
den Lehrgang ganz in den Dienst der Aufklärung.

Das zentrale Anliegen des Tan Tien Tschüan sei es, die Kontrolle
über den eigenen Körper zu erlangen. Dabei würde zunächst im
Wesentlichen Wert auf eine möglichst verschleiß- und aufwandsarme
Art der Bewegung gelegt werden. Dieser Ansatz, an einen Kampf
heranzugehen, war den Anwesenden schon nicht mehr ganz fremd, da
Manfred bereits am Tag zuvor hauptsächlich die Frage behandelt
hatte, wie man in einer schwierigen Situation den eigenen Körper
sinnvoll positionieren kann. Es wurde jedoch von Anfang an
deutlich, daß der Anspruch des Tan Tien in diesem Punkt noch
elementarer und umfassender ist als in den bereits vorgestellten
Systemen. Die gewohnte Art, beim Kämpfen Kraft, Schnelligkeit und
Flexibilität wie selbstverständlich einzusetzen, wurde
grundlegend in Frage gestellt.
Thomas brachte in diesem Zusammenhang das Problem zur Sprache,
daß bei jedem Menschen im Lauf des Älterwerdens diese
körperlichen Eigenschaften, welche uns normalerweise zu
sportlichen Leistungen befähigen, spürbar verloren gehen. Man
wird also zunehmend eher schwächer, langsamer und verletzlicher,
weshalb leider neben den erlernten Fähigkeiten auch die
körperlichen Defizite immer mehr anwachsen. Auch Kampfkünstler,
die äußere, harte Stile betreiben, sind diesem Prozess ausgesetzt
und können ihr Kung Fu oder ihren Sport deshalb irgendwann
zwangsläufig nicht mehr so effektiv ausüben wie in jungen Jahren.
Eine wichtige Motivation, sich mit einem komplexen Stil wie dem
Tan Tien Tschüan zu beschäftigen, liegt also in dem Anspruch, die
begrenzten Ressourcen des eigenen Körpers möglichst effektiv,
also so unaufwendig wie möglich, einzusetzen und dadurch über
lange Zeiträume stark zu bleiben. Die allgemeine Reaktion der
anwesenden Kampfsportler auf diese Bemerkung deutete darauf hin,
daß einige von ihnen das Verschleißproblem durchaus kennen und
auch Interesse an alternativen Ansätzen hätten.

Das zweite Kernthema des Tan Tien Tschüan führte uns dann recht
schnell an die nüchterne Praxis heran. Thomas erklärte vorweg,
daß man bei dem Gedanken an eine Kampf- oder
Selbstverteidigungssituation meistens eine sehr unrealistische
Einschätzung der eigenen Kräfte ins Spiel bringen würde. Als
Beispiel dafür erzählte er kurz das Erlebnis eines seiner
ehemaligen Taekwondo-Kollegen, der in einer Kneipe innerhalb
kürzester Zeit krankenhausreif geschlagen wurde.
Als fähiger Kampfkünstler hätte er von sich selbst auch gedacht,
über wirksame Schlag- und Tritttechniken zu verfügen, doch
gegenüber roher Gewalt erwiesen sich diese plötzlich als
wirkungslos. Gewalt sei also grundsätzlich eine Situation, die
außer Kontrolle geraten ist und im Tan Tien würde man sich mit
der Frage auseinander setzen, wie man durch eine gezielte
Aussteuerung des eigenen Körpers eine solche Notlage wieder unter
Kontrolle bringen könnte. Dabei würde man von vornherein davon
ausgehen, physisch in der schwächeren Position zu sein.
Um allerdings für mögliche Korrekturen der typischen körperlichen
Einsätze und vertrauten Bewegungsabläufe überhaupt ein offenes
Ohr zu haben, müßte jeder von uns sich zunächst damit auseinander
setzen, in welchem Maße man seine Kräfte tatsächlich
durchschlagend zur Anwendung bringen könne.
Er schlug deshalb vor, erst einmal die Wirksamkeit der eigenen
Kräfte anhand einiger einfacher Übungen aus dem Schwellenprogramm
des Tan Tien zu überprüfen. Nun begann der praktische,
schweißtreibende Teil des Lehrgangs, in dem sich die ganze Gruppe
zuerst im "Runterführen" versuchte. Die Aufgabe bestand darin,
seinen Partner gegen dessen Willen zu Boden zu werfen, allerdings
ohne den Einsatz von Beinen oder Ringkampftechniken. Es war
lediglich erlaubt, den anderen an Kopf, Nacken und Schultern zu
greifen, zu ziehen, zu stoßen oder auch zu hebeln.

Der Verteidiger hingegen sollte sich einfach nur möglichst fest
und steif gegen diesen Zugriff stellen und unter keinen Umständen
nachgeben. Obwohl diese spezielle Herangehensweise für die
meisten Teilnehmer ziemlich ungewohnt war, begannen sie recht
schnell damit, alle möglichen Ideen an ihrem Partner
auszuprobieren. Anders als im ersten Teil des Lehrgangs gab es
keine konkreten Anweisungen, wie die Übung erfolgreich zu
bewältigen wäre. Schließlich ging es darum, erst einmal alle
eigenen Einfälle zur Problemlösung vollständig auszuschöpfen.
Meine Trainingspartnerin stürzte sich wieder mit sehr viel
Energie auf die Aufgabe und schüttelte mich dabei ordentlich
durch. Mit verschiedenen Hebeln an Hals und Kopf versuchte sie,
mich zum Nachgeben zu bringen, aber obwohl die Hebel natürlich
alles andere als angenehm waren, hatte ich noch genügend Reserven
im Körper, um mich erfolgreich dagegen zur Wehr zu setzen. Ich
fand es bemerkenswert, wie unermüdlich meine Trainingspartnerin
die verschiedensten Varianten von Kraft- und Gewichtseinsätzen an
mir ausprobierte, wobei sie hin und wieder auch bestimmte
Methoden verwarf. Auch die anderen Kampfkünstler gaben sich viel
Mühe, immer wieder neue Überlegungen anzustellen, wie sie mit der
gestellten Aufgabe zurecht kommen könnten, anstatt einfach nach
drei vergeblichen Versuchen aufzugeben und nach einer Lösung zu
schreien.

Das Interesse am Forschen war auf jeden Fall groß genug, um eine
sehr dynamische, konzentrierte Arbeitsatmosphäre im Raum zu
schaffen. Während wir uns bemühten, den Partner wenigstens aus
der Balance zu bringen, gingen die Tan Tien-Lehrer überall herum
und demonstrierten, daß es tatsächlich möglich ist, jemanden
gegen seinen Willen herunter zu führen. Dabei konnten die
Anwesenden sehen und fühlen, wie effektiv die weiche aber
gleichzeitig unnachgiebig zusammenhängende, typische Tan Tien
Tschüan-Aussteuerung funktioniert.
Anschließend prallten beim "Großen Schieben" Kraft und Gewicht
der Teilnehmer aufeinander, die es in dieser Übung mit der
horizontalen Aussteuerung des eigenen und des gegnerischen
Körpers zu tun bekamen. Die Aufgabe bestand schlicht und einfach
darin, den Partner möglichst weit durch den Raum zu schieben und
sich gleichzeitig selbst nicht bewegen zu lassen. Auch hierbei
sollten zwar keine Methoden aus dem Ringkampf, Beinstellen oder
Ähnliches angewandt werden, ansonsten hatte man aber jede
Freiheit zu versuchen, den anderen über die Arme oder am Körper
zu stoßen, zu ziehen oder anderweitig aus seiner Position zu
bewegen.

Spätestens bei dieser Übung legten sich alle voll ins Zeug, da
natürlich niemand einfach kampflos durch die Gegend geschoben
werden wollte. Der Schweiß floß in Strömen, als der Geist des
Wettbewerbs um sich griff und irgendwie schien der Raum plötzlich
zu klein für die ganze Veranstaltung zu werden, denn man mußte
immer wieder sich selbst oder den Partner bremsen, um keinen
Zusammenstoß mit anderen Personen zu riskieren. Mit meiner agilen
Trainingspartnerin hatte ich jedenfalls sehr viel Spaß bei der
Sache, da sie als Fitnesstrainerin eine schier unerschöpfliche
Energie dafür aufbrachte, immer aufs Neue und aus jedem
erdenklichen Vektor auf meine Balance zu zielen. Ihre Fähigkeit,
sich selbst von Kopf bis Fuß zu verhärten, um meinen Angriffen zu
widerstehen, nötigte mir beim Schieben enorme Anstrengungen ab,
weshalb die ganze Übung bei uns hochkonzentriert ablief.

Doch soviel Freude wir dabei auch hatten, nach einer geschätzten
Viertelstunde zermürbender Anstrengung mußten sich wohl alle
eingestehen, daß die Auseinandersetzung mit dem Partner im
Wesentlichen immer wieder auf eine Pattsituation hinausgelaufen
war. Der Kraftaufwand bei unseren konventionell geprägten
Einsätzen von Gewicht, Schwung und Streckung stand offenbar in
keinem Verhältnis zum Ergebnis, von einer Kontrolle über die
beteiligten Kräfte konnte man wahrlich nicht sprechen.
Natürlich änderte sich das auch nicht beim anschließenden
Ringkampf, der trotz aller zur Verfügung stehenden horizontalen
und vertikalen Angriffsvektoren sowie dem erlaubten Einsatz von
Hebeln, Griffen und plötzlichen Tempowechseln ebenso häufig in
Sackgassen führte wie zuvor das "Große Schieben". Zudem hatten
gerade die scheinbar sicheren Hebel bereits am Tag zuvor durch
die von Manfred demonstrierte Befreiungstechnik ihren Schrecken
verloren. Übrigens konnte man sie in Verbindung mit etwas Tan
Tien-Technik sogar wie eine offene Tür in den Raum des Gegners
benutzen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Beschäftigung mit
Techniken aus anderen inneren Stilen mir den Zugang zum Tan Tien
Tschüan in einer bestimmten Situation erleichterte.
Schließlich beendete Thomas Schröder den ersten Durchgang des
Schwellenprogramms mit der "Kleinen Parade", einer weiteren
Partnerübung, bei der man sich in einem festgelegten Abstand
gegenüber steht und versuchen soll, den anderen mit der offenen
Hand leicht im Gesicht zu treffen, während dieser die gleiche
Aufgabe hat.

Auch in diesem Fall besteht also die Schwierigkeit, einerseits
das Gegenüber anzugreifen, andererseits aber eine effektive
Deckung gegen dessen Schläge aufrecht zu erhalten. Der Abstand
zum Partner wird dabei so gewählt, daß derjenige mit der kürzeren
Armreichweite bequem und vor allem ohne sich zu strecken das
Gesicht des anderen erreichen kann. Daher fällt die Option, sich
durch das Schaffen einer schwer überbrückbaren Distanz vor den
Angriffen zu schützen, von vornherein aus. Wieder einmal hatten
wir es mit einer äußerst anspruchsvollen Übung zu tun, für die
zunächst keine Hilfestellung gegeben wurde. Als Orientierung
dienten nur die groben Einschränkungen der Ausweichmöglichkeiten,
die ein sehr enges Feld schufen, innerhalb dessen man sich
zwangsläufig frontal mit dem Partner auseinander setzen mußte.
Natürlich war es auch in diesem Fall die Absicht der Tan
Tien-Lehrer, auf ungefährliche Art die Schwierigkeiten
aufzuzeigen, welche sich aus der Daueranforderung einer
Nahkampfsituation ergeben. Schnelle Reflexe halfen zwar bei der
Abwehr von Schlägen, führten den Verteidiger aber auch in einen
klassischen Block, mit dem er sich danach oft selbst im Weg
stand.

Aufwendiges Ausholen zum Angriff führte dazu, daß die eigene
Deckung aufbrach und man kurz darauf vielleicht einen Treffer
landen konnte, aber auch die Hand des Gegners im Gesicht hatte.
Durch starkes Drücken auf die Arme des anderen und eine extreme
Anspannung verbrauchte man innerhalb kürzester Zeit so viel
Kraft, daß es auf Dauer nicht möglich war, die eigenen Arme oben
zu halten. Langer Rede kurzer Sinn: Auch bei dieser Aufgabe
stellte sich wieder heraus, daß man in einer ähnlichen
Kampfsituation mit dem konventionellen Einsatz seines Körpers
schlechte Karten haben würde. Nach diesem spannenden aber auch
anstrengenden Trainingsabschnitt bekam die Gruppe Gelegenheit,
sich in einer kurzen Pause etwas zu sammeln und zu erholen.
Im zweiten Abschnitt des Tan Tien-Lehrgangs hatten alle
Teilnehmer durch die verschiedenen Partnerübungen eine
Vorstellung davon, wie wenig man mit den eigenen Kraftressourcen
und einer eher groben Aussteuerung in einer komplexen
Gewaltsituation tatsächlich ausrichten kann. Nachdem also klar
war, daß dieses Problem nicht gewissermaßen "mit dem Holzhammer"
gelöst werden kann, gab Thomas Schröder uns für einen zweiten
Durchgang des Schwellenprogramms einige "technische" Hinweise mit
auf den Weg.

Man konnte die Lehrer auf ihren Gängen durch den Raum ansprechen,
sich kleine Bewegungskorrekturen geben lassen und versuchen,
sinnvolle Fragen zum Thema zu stellen. Vorweg gab Thomas uns den
Tipp, beim Runterführen zunächst den Schwerpunkt darauf zu legen,
den Partner bis hinunter zu seinen Füßen in Bewegung zu
versetzen. Dabei lautete die Devise, den anderen möglichst dazu
zu bringen, sich mehr und aufwendiger zu bewegen als man selbst.
Aus diesem neuen Blickwinkel mußten natürlich alle Beteiligten
ihre Schwung- und Krafteinsätze sorgfältiger überdenken. Jeder
probierte nun vielmehr, die eigenen Bewegungen unter Kontrolle zu
bekommen, statt in erster Linie am Partner herumzureißen. Dabei
kamen durchaus erste Tan Tien-spezifische Überlegungen auf, wie
beispielsweise die Frage, ob man sich durch das Entspannen des
eigenen Körpers vielleicht Raum für zwei kurz hintereinander
ausgeführte Schwungansätze schaffen könnte, um den anderen
auszumanövrieren. Auch den Füßen wurde als Basis für feste
Stände, Gegenpositionen und Beweglichkeit mehr Aufmerksamkeit
gewidmet als zuvor. Obwohl der Ringkampf im zweiten Durchgang
nicht durchgeführt wurde, weil er in diesem Programm zwar ein
guter Maßstab für den konventionellen Einsatz von Kraft ist, aber
technisch noch nicht aufgeschlüsselt werden kann, hatten wir beim
"Großen Schieben" und der "Kleinen Parade" genug Gelegenheit, die
Auswirkung der Korrekturen zu studieren.

Auf Anraten der Tan Tien-Lehrer reduzierten wir während des
Schiebens jene Aktionen, die unseren Krafteinsatz vollständig in
eine Richtung gebunden hatten, wie zum Beispiel, sich einfach mit
dem ganzen Körper schräg gegen den anderen zu werfen oder zu
versuchen, ihn überraschend mit voller Wucht anzufallen.
Thomas demonstrierte vor der Übung das Prinzip: "Kraft hat eine
Richtung". Durch den einseitigen Einsatz von Kraft und Gewicht
macht man sich selbst unflexibel und auch in allen anderen
Richtungen angreifbar. Außerdem verbraucht man einen Großteil
seiner kinetischen Energie bereits durch das Anspannen und
Ausrichten des eigenen Körpers, wodurch kaum noch etwas von der
ganzen Bewegung beim Partner ankommt. Meine Partnerin und ich
waren während des ersten Durchgangs beim Schieben oft genug
gegeneinander geprallt, ohne damit viel auszurichten. Wir
erfuhren nun, daß unser Körpereinsatz zu einseitig sein mußte. Im
zweiten Ansatz versuchten wir daher unter anderem, den Körper
geschlossener zu bewegen als zuvor. Außerdem wurden wir zunehmend
auf gegenläufige Schwungeinsätze bei den eigenen Bewegungen
aufmerksam. Diese Gegenläufigkeiten, wie zum Beispiel das
Überstrecken der Arme in Verbindung mit dem Versuch weit
auszuholen, um dann sein Gewicht nach vorn zu werfen, wodurch man
sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst im Weg steht, fielen
meiner Partnerin viel deutlicher auf als am Anfang des Lehrgangs.
Sie definierte solche Aktionen als ineffizient und machte sich
daran, diese aus ihrem Bewegungsschema auszufiltern.
Auf diese Art führten viele Erkenntnisse über Mängel in der
eigenen Aussteuerung die Teilnehmer näher an ein Verständnis der
Tan Tien Tschüan-Prinzipien heran. Dabei wurde wohl auch
deutlich, warum dieser Stil des Inneren Boxens sich schwer bis
gar nicht in einer simplen Erklärung zusammenfassen läßt. Er wird
erst im direkten Kontakt mit einem fähigen Lehrer lebendig und
begreifbar. Nach dem intensiven, praktischen Teil des Lehrgangs
gab Thomas allen Anwesenden in entspannter Runde noch die
Gelegenheit, Fragen zum Tan Tien zu stellen.

Es wurde dargelegt, daß Tan Tien Tschüan als Kampfkunstsystem und
Innerer Stil im Jahr 1975 von Helmut Barthel begründet wurde. Der
Name des Stils bedeutet frei übersetzt: "Inneres Boxen" und wurde
in Bezug auf die vielen didaktischen Bestandteile, welche mit
traditionellen chinesischen Lehrmethoden verwandt sind, von einem
Sinologieprofessor der Hamburger Universität ins Chinesische
übersetzt. Auf die Nachfrage von Seiten eines Zuhörers, ob es zum
Erlernen des Tan Tien ein festes didaktisches System gebe,
erklärte Thomas Schröder kurz die Aufteilung der Schüler in
Prüfungsklassen, von denen es vom ersten Programm bis zu den
Meistergraden 24 gibt.
Er bestätigte, daß es innerhalb jedes Prüfungsprogramms speziell
auf den technischen Stand der Schüler abgestimmte Übungen gebe,
welche ihnen das systematische Lernen von Tan Tien ermöglichen.
Auf die Frage, wie wir in unserem Stil zu dem Konzept von Chi als
innerer Energie stehen würden, entgegnete Thomas, daß bei der
Erklärung von Tan Tien Tschüan nur streng wissenschaftliche
Kriterien, vornehmlich die Physik, eine Rolle spielen würden. Er
verwies auf den Artikel "Chi - Ein umstrittener Begriff" von
Helmut Barthel in der Zeitschrift "Martial Arts" Nummer 1-3, in
dem der Begriff Chi unter anderem etymologisch analysiert wird.
Aus sprachlicher Sicht bedeutet er zunächst im Grunde nur: "Dampf
steigt aus dem heiß gekochten Getreide". Er empfahl der
Fragestellerin, erst einmal diesen Text zu lesen, in dem auch
Stellung dazu genommen wird, inwiefern das Chi als nicht
greifbare Energie für das Lernen einer Kampfkunst eine sinnvolle
Rolle spielt. Eine ausufernde Diskussion über dieses Thema mit
allen Implikationen würde den Rahmen dieses Lehrgangs sprengen.
Am Ende des Gesprächs wurde die Frage aufgeworfen, ob es bald
auch in Hannover die Möglichkeit geben würde, Tan Tien zu
trainieren, woraufhin Thomas erklärte, daß Manfred Steiner dafür
der richtige Ansprechpartner sei. Als ein direkter Schüler von
Helmut Barthel ist er seit längerem dabei, sich die nötige
Qualifikation für das Unterrichten von Tan Tien Tschüan
anzueignen.
Alles in allem war der Lehrgang in Hannover eine spannende
Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern, einiges dazu zu
lernen und außerdem etwas Zeit mit anderen sehr aufgeschlossenen
und interessierten Kampfkünstlern aus dem ganzen Land zu
verbringen, für die ich mich an dieser Stelle noch einmal
herzlich bedanken möchte.

Heimlich, still und leise ...
Im letzten Halbjahr kam es über längere Strecken zu
gelegentlichen, aber fruchtbaren Begegnungen zwischen Tan
Tien-Lehrern und Unterrichtenden unterschiedlichster Stile des
Kampfkunstzentrums Kenpokan in Hannover.
Waren die ersten Kontakte vielleicht auch umsichtig und zaghaft,
so entwickelte sich doch auf der Basis bester Verständigung über
Fragen und Probleme der Kampfkünste im allgemeinen und solchen
der Inneren Kampfkünste im besonderen eine zunehmende Neugier auf
das Tan Tien Tschüan.
Manfred Steiner, der schon seit längerer Zeit begonnen hatte,
sich in dieses Kampfkunstsystem hineinzuarbeiten, beförderte und
unterstützte nicht zuletzt aus vitalem Eigeninteresse diesen
wachsenden Keim des Austausches.
Nach einer Präsentation des Tan Tien Tschüan auf M. Steiners
eigenem Lehrgang zu den Inneren Kampfkünsten am 16./17.2.2008
(Curriculum) wurde der Wunsch nach einem richtigen Workshop, in
dem fundamentale Tan Tien Tschüan-Techniken erläutert und zum
selbst versuchen von Repräsentanten dieser Schule höchsteigen an
praktischen Beispielen erklärt werden sollten, am Dienstag, den
17. Juni 2008 in die Tat umgesetzt. Wenn auch unspektakulär und
rücksichtsvoll, jedoch mit größter Konzentration in der Sache von
allen Teilnehmern umgesetzt, blieb dieser Workshop nicht ohne
Folgen.
Schlußendlich war das Ergebnis eben unter anderem dieses
Workshops, daß sich der Appetit auf mehr Wissen und die Lust an
der spezifischen Arbeitsweise in der Tan Tien-Praxis bei einigen
Teilnehmern durch die Einrichtung einer regelmäßigen und festen
Trainingsgruppe manifestiert haben.


NEUIGKEITEN
Prüfungsprogrammänderungen
Aus aufwandstechnischen Gründen ebenso wie aus didaktischem Anlaß
werden vom Lehrerteam sämtliche Prüfungsprogramme während der
Sommerferien noch einmal überarbeitet und gegebenenfalls dem
letzten Unterrichtserkenntnis- und -erfahrungsstand angepaßt
beziehungsweise entsprechend geändert.
Jede Prüfungsklasse wird in den ersten Unterrichtsstunden nach
den Sommerferien dann über die jeweiligen Veränderungen im
Programm umfassend und nachhaltig informiert.
Die zu erwartenden Abweichungen werden ganz sicher leicht
integriert werden können, und das bereits Gelernte behält im
wesentlichen seine Gültigkeit. Eher sogar sollte in jedem Falle
mit besserer Übersichtlichkeit und Vereinfachung gerechnet
werden. Laßt Euch überraschen!
*
Tan Tien-Unterricht im Kenpokan Hannover
Seit Mitte des Jahres 2008 findet auch in Hannover im Kenpokan
ein regelmäßiges Wochentraining statt. Die Gruppe trifft sich
jeden Dienstag von 20:00h bis 21:30h zum Unterricht im Kenpokan:
Kenpokan e.V. Hannover
Jathostr. 11
30 163 Hannover
Tel.: 0511-37 12 55
Fax: 0511-37 13 35
www.kenpokan.de
Öffnungszeiten:
Mo-Fr: 9:00h-22:00h
Sa/So/Feiertag: 11:00h-17:00h
Kontaktadresse: steinerhp@msn.com
*
Jahresabschlußfeier 2008
Die diesjährige Jahresabschlußfeier findet am Donnerstag, den
18.12.2008 wie letztes Jahr im
Asia Spezialitäten Restaurant
Mai Yen
Markt 36
25746 Heide
Tel.: 0481-7 72 08
statt. Beginn: 20:00 Uhr. Ebenso wie im letzten Jahr fällt ein
Kostenbeitrag von Euro 9,90 für das Chinesische Buffet an, der
bei der unumgänglichen Voranmeldung entrichtet werden muß. Die
Anmeldung sollte bis spätestens Mittwoch, den 10. Dezember 2008
erfolgt sein.

*
Lehrgang
Am Donnerstag, den 9. Oktober 2008, findet von 19:15h bis 21:00h
ein Lehrgang zur Vertiefung der Grundtechniken beim Stoßen,
Werfen, Runterführen in Heide/Holstein am
Werner-Heisenberg-Gymnasium statt, Zulassungen ab der 2.
Prüfungsklasse, Anmeldungen bis spätestens 5. September 2008.

TERMINE
Prüfungen zum ersten, zweiten, dritten und vierten TT-Mobil
Alle Prüfungen am Donnerstag, 20. November 2008, in
Heide/Holstein, Werner-Heisenberg-Gymnasium, ab 19.15 Uhr.
*
Sommerferien
HAMBURG (vom 17.07.-27.08.2008)
Nach den großen Sommerferien beginnt in Hamburg der Unterricht
für alle Gruppen wieder ab Montag, den 01.09.2008.
HEIDE/HOLSTEIN (vom 21.07.-30.08.2008)
Nach den großen Sommerferien beginnt in Heide der Unterricht
wieder am Donnerstag, den 04.09.2008.
Herbstferien
HAMBURG (vom 13.10.-25.10.2008)
HEIDE/HOLSTEIN (vom 13.10.-17.10.2008)
Anläßlich der Herbstferienwochen fallen von Montag, den 6.10.2008
bis Freitag, den 24.10.2008 alle TTT-Trainingstermine in Hamburg
und Heide/Holstein aus. In der Woche vor den Herbstferien findet
nur am Donnerstag, den 9. Oktober 2008 der angekündigte Lehrgang
statt.
Weihnachtsferien
HAMBURG (vom 22.12.2008-02.01.2009)
HEIDE/HOLSTEIN (vom 22.12.2008-07.01.2009)
Der letzte Unterricht in HAMBURG findet am Freitag, den
12.12.2008 und in HEIDE/HOLSTEIN am Donnerstag, den 11.12.2008
statt.
In HAMBURG beginnt dann der nächste Unterricht am Montag, den
19.01.2009 zur üblichen Zeit am vertrauten Ort und in
HEIDE/HOLSTEIN am Donnerstag, den 22.01.2009 am vertrauten Ort
zur üblichen Zeit.
*
Jahresabschluß- bzw. Weihnachtsfeier
Die Jahresabschluß- bzw. Weihnachtsfeier findet in diesem Jahr am
Donnerstag, den 18.12.2008 wie letztes Jahr im Asia Spezialitäten
Restaurant Mai Yen, Markt 36, 25746 Heide, Tel.: 0481-7 72 08
statt. Beginn: 20:00 Uhr.

ALLGEMEINE TRAININGSZEITEN UND ADRESSEN
FÜR DEN TAN TIEN-UNTERRICHT IN NORDDEUTSCHLAND
Hamburg
Thomas Schröder, verantwortlicher Trainer
Handy: 0171-162 30 75
Montag
19.00 - 21.45
TTT-Training für Einsteiger, Anfänger und Fortgeschrittene
Schule Chemnitzstraße (Kleine Halle)
Chemnitzstr./Virchowstr. 80
22767 Hamburg
Dienstag
16.30 - 19.00 TTT-Kindergruppe
19.00 - 21.30 TTT-Untericht für Fortgeschrittene
19.00 - 20.00 TTT-Dreifuß-Gruppe, Gesundheitstraining
20.00 - 21.00 TTT-Dreifuß-Gruppe, Gesundheitstraining
Schule Chemnitzstraße (Kleine Halle)
Chemnitzstr./Virchowstr. 80
22767 Hamburg
Mittwoch
19.15 - 21.45
TTT-Training für Einsteiger, Anfänger und Fortgeschrittene
Schule Arnkielstraße (Große Halle)
Langenfelder Str. 31
22769 Hamburg
Freitag
18.30 - 20.00 TTT-Dreifuß-Gruppe, Gesundheitstraining für ältere
und gesundheitlich eingeschränkte Personen
18.30 - 20.00 TTT-Unterricht für Fortgeschrittene
Schule Chemnitzstraße (Kleine Halle)
Chemnitzstr./Virchowstr. 80
22767 Hamburg
Heide
Günther Helbling, verantwortlicher Trainer
Handy: 0179-987 03 06
Donnerstag
19.00 - 21.30 TTT-Dreifuß-Gruppe, Gesundheitstraining
19.00 - 20.30
TTT-Training für Einsteiger, Anfänger und Fortgeschrittene
Werner Heisenberg-Gymnasium (Kleine Halle)
Rosenstraße 41
25746 Heide
Hannover
Manfred Steiner, verantwortlicher Trainer
Kontaktadresse: steinerhp@msn.com
Dienstag
20:00 - 21:30 TTT-Training im Kenpokan
Kenpokan e.V. Hannover
Jathostr. 11
30 163 Hannover
Tel.: 0511-37 12 55
Fax: 0511-37 13 35
www.kenpokan.de

17. Juli 2008
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